Aktuelle Ausgabe

Editorial

1/2026

Liebe Leserinnen und Leser,

in Kürze vorweg: der Radverkehr braucht Platz – und der ADFC braucht einen neuen Vorstand.

Der Anteil des Radverkehrs am Modal-Split steigt. Immer mehr Menschen nutzen das Rad für ihre täglichen Wege zur Arbeit, *zur Schule und im Alltag. Radeln tut sowieso gut, es nützt aber nebenbei allen, denn das Straßennetz wird durch weniger Staus entlastet.

Für die Entwicklung des Radverkehrs brauchen wir allerdings sichere und verlässliche Rahmenbedingungen. Radverkehr muss konsequent und gerecht gestaltet werden, damit sich alle sicher bewegen können: Kinder, Jugendliche, ältere Menschen und *unsichere Radfahrende – und nicht nur die Mutigen und Geübten.

Wir fordern von der Politik einen Mobilitätsfrieden, der allen Verkehrsarten den ihnen zustehenden Platz im Straßenraum einräumt – sicher, fair und zukunftsfähig. Die vorliegende Ausgabe des Kettenblatts zeigt beispielhaft, wie groß die Lücke zwischen Anspruch und Wirklichkeit in unserer Region ist.

Ein erstes Beispiel sind in Darmstadt innerstädtische Haupt-achsen wie die Kasinostraße (Seite 6 und Titelbild). Unsichere *Situationen und fehlender Schutz gehören hier weiterhin zum *Alltag. Ebenso im Schulverkehr: Berichte aus Darmstadt (Seite 5) und Seeheim-Jugenheim (Seite 9) belegen, wie gefährlich der*Alltag für Kinder oft noch ist: zugeparkte Gehwege, chaotische Bring- und Holverkehre, fehlende sichere Rad- und Fußwege. *Ein drittes Beispiel sind Schutzstreifen außerorts im Landkreis Darmstadt-Dieburg. Die Verkehrsversuche belegen das Bedürf-nis, hier sichere Lösungen zu finden (Seite 8).

Um dem wachsenden Anteil des Radverkehrs gerecht zu *werden, braucht es mehr als wohlklingende Leitbilder und *unverbindliche Absichtserklärungen. Erst konkrete Ziele und ein klar definiertes Zielnetz ermöglichen einen sachlichen Dialog und einen tragfähigen Konsens zwischen den unterschiedlichen Interessensgruppen.

Vor jeder sichtbaren Veränderung im Straßenraum stehen meist jahrelange Planungsphasen. Beispiele dafür gibt es *in Darmstadt viele: Kasinostraße, Holländische Kreuzung, Süd-Nord-Verbindung (sogenannter Gerader Gustav), Heidelberger Straße, die Verbindung von Radweg und Straßenbahn zum *Ludwigshöhviertel oder die sogenannten Citytangenten Ost und West. Manche Maßnahmen wurden umgesetzt, andere wie *die Citytangenten werden seit über 20 Jahren diskutiert. Beim Ludwigshöhviertel bestand unter den Interessenverbänden fast vollständige Einigkeit. Was all diese Prozesse eint: Ohne ein *klares Zielnetz ist eine systematische Nachverfolgung des *Umsetzungsstands nicht möglich. Erzielte Fortschritte bleiben unsichtbar, die Prioritäten sind unklar und politische Entscheidungen sind kaum überprüfbar.

Vor diesem Hintergrund habe ich mich als Vertreterin des ADFC Darmstadt-Dieburg jüngst in der Steuerungsgruppe zum Sustainable *Urban Mobility Plan (SUMP) der Stadt Darmstadt ausdrücklich für ein verbindliches Zielnetz und klare Qualitätsstandards für den Radverkehr eingesetzt.

Ehrenamtlich Engagierte haben den Ist-Zustand aller Haupt- und Nebenstraßen in Darmstadt systematisch erfasst. Damit liegt eine belastbare Datengrundlage vor. Mit einer einfachen Grün-, Gelb- und Rot-Darstellung ließen sich vereinbarte Quali-tätsstandards in einem Zielnetz darstellen und Fortschritte transparent, nachvollziehbar und überprüfbar machen. Umso *ernüchternder ist die absehbare Entwicklung: Im SUMP ist kein verbindlicher Arbeitsauftrag zur Ermittlung eines Zielnetzes *vorgesehen (Seite 3 und 4). Entsprechend kann der Ausbau des Radnetzes nicht als zentraler Indikator für das Erreichen der Planziele herangezogen werden.

Seit vielen Jahren setzt sich der ADFC für den Radverkehr in unserer Region ein. Es gibt enorme Fortschritte – aber trotzdem bleibt noch sehr viel zu tun. Damit dieses Engagement fortge-setzt werden kann, braucht der ADFC dringend neue Menschen, die Verantwortung übernehmen.

Im März 2027 wird der Vorstand des ADFC Darmstadt-Dieburg neu gewählt und einige Vorstände, die schon länger dabei sind, werden nicht wieder kandidieren (Seite 18). Wer aktiv dazu *beitragen kann, ist ausdrücklich eingeladen, sich einzubringen. Der ADFC ist dabei mehr als verkehrspolitische Arbeit. Gemein-schaft und Austausch, z. B. beim Sommerfest (Seite 19) gehören genauso dazu wie gemeinsame Aktivitäten, siehe etwa die ADFC-Radtouren (Seite 14 und 15).

Last but not least: Wir begrüßen herzlich Gangolf Schrimpf, der sich dafür entschieden hat, im Redaktionsteam des Ketten-blatts mitzuwirken (Seite 18).

Annelie von Arnim

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